Offizieller Bericht: Besuch S.H. des 17. Karmapa 2015

OFFIZIELLER BERICHT | Besuch S.H. des 17. Karmapa, September 2015

DIE KERNBOTSCHAFT DER LEHRE:
ZUM KATALYSATOR DES GUTEN IN DER WELT WERDEN

Bodhicharya Zentrum
Berlin, September 2015

Mehr als 350 Personen, einschließlich Vertreter der verschiedenen Bodhicharya-Zentren Europas, Mitglieder und Unterstützer des Berliner Zentrums, sowie geladene Gäste, drängten sich im Haupttempel, um den 17. Karmapa zu seinem letzten öffentlichen Auftritt auf der zweiten Europareise zu empfangen. Der entfernte Klang einer tibetischen Gyalin verkündete seine Ankunft im Zentrum. Seine Heiligkeit wurde am Tor des Zentrums von dessen Gründer, Ringu Tulku Rinpoche, in Empfang genommen, der ihn anschließend auf dem Weg aus Ziegeln über das Gelände führte, wobei ihnen ein Junge und ein Mädchen Blütenblätter streuend vorangingen. Nachdem er einen Baum im Garten angepflanzt hatte, betrat Seine Heiligkeit den Tempelraum.

Ringu Tulku Rinpoche hieß den 17. Karmapa ein weiteres Mal im Bodhicharya Berlin willkommen und gestand: „Wir haben keine Fortschritte gemacht, aber“, fuhr er fort, „wir sind fest dazu entschlossen, für die Menschen hier und für den Dharma zu arbeiten.“ Er betonte im Besonderen das Ausbildungsprogramm des Hospizdienstes und die Arbeit der Freiwilligen für die Sterbenden – derzeit werden 30 Menschen von ihnen betreut – und übergab Seiner Heiligkeit eine Liste mit den Namen dieser Menschen sowie derer, die bereits verstorben sind, in Verbindung mit der Bitte um Gebete für sie.

Wie schon zu anderen Gelegenheiten auf dieser Reise, übernahm der Karmapa die Rolle des Hauptsängers und führte die Gruppe in die Eröffnungsgebete. Es gab eine kurze Mandala-Darbringung.

Nachdem er alle Anwesenden begrüßt hatte und seine Freude darüber ausgedrückt hatte, das Bodhicharya Berlin einmal mehr besuchen zu können, sprach Seine Heiligkeit allen sein Mitgefühl über den Mangel an baulichem Fortschritt im Zentrum aus. „Das zeigt einfach nur, dass es kein einfaches Unterfangen ist, ein solch großes Dharma-Zentrum in einer Stadt von der Größe Berlins zu errichten“, sagte er und bedankte sich anschließend bei Ringu Tulku Rinpoche und den Mitgliedern mit Verweis darauf, wie sehr er die Bemühungen und die Arbeit aller zu schätzen wisse.

Da dies die letzte Belehrung der Europareise 2015 sein würde, entschied sich der 17. Karmapa dazu, zum Thema der Integration der Dharma-Praxis in den Alltag zurückzukehren. „Ich würde gerne erneut darüber sprechen was tatsächlich unverzichtbar auf dem Pfad und was die Kernbotschaft der Dharma-Praxis ist.“, erklärte er.

Er ging als erstes darauf ein, dass wir danach streben sollten, unser Leben bedeutungsvoll zu machen, indem wir uns auf die Wertschätzung seiner Kostbarkeit stützen. „Jede Dharma-Praxis sollte diesem Ziel dienen.“, sagte er.

Anschließend wies er darauf hin, dass wir bedauerlicherweise unsere Praxis oft nur auf einen bestimmten Zeitrahmen beschränken, innerhalb dessen wir Gebete rezitieren und meditieren, wohingegen wir den Rest der Zeit beschäftigt sind mit unserem tagtäglichen Verrichtungen.
Wenn wir die Zeit, die wir mit unserer Praxis verbringen, vergleichen mit der Zeit, die wir auf unsere Aktivitäten verwenden, dann wird deutlich, dass das nichts ist, was man eine erfolgreiche Dharma-Praxis nennen könnte. Soll unsere Dharma-Praxis erfolgreich sein, so muss der Dharma unser Leben durchdringen und darf nicht auf eine bestimmte Zeit beschränkt bleiben, die wir vor unserem Altar verbringen.

„Wir müssen uns mit dem Kern der Lehre in allen Bereichen unseres Lebens verbinden, genau dort, wo wir leben und arbeiten.“, betonte Seine Heiligkeit. Über das gestiegene Interesse an Meditation nachsinnend schlug Seine Heiligkeit vor, dass sie für viele „zu einer Verschnaufpause vom Stress des geschäftigen Lebens“ geworden sei, etwas, das „man ’spirituellen Erholungsurlaub‘ nennen könnte“. Diese Art von Praxis sei „verbunden mit der Erfahrung von Entspannung und Wohlgefühl, das wir auch als ’spirituelle Massage‘ bezeichnen könnten.“

Die Menschen würden erwarten, dass ihre Praxis ihnen die Erfahrung des Wohlfühlen bescheren würde, aber es sei fraglich, ob das tatsächlich echte Dharma-Praxis genannt werden dürfe, denn wahre Dharma-Praxis sei kein Schmerzmittel und sie so zu betrachten könne sogar auf lange Sicht noch mehr Schmerzen hervorrufen. Wenn wir uns ernsthaft der Dharma-Praxis widmen, beziehen wir unseren Körper, unsere Sprache und unseren Geist mit ein. Ganz besonders dann, wenn wir mit unserem Geist und unserem Bewusstsein arbeiten, sollten wir uns auf Hindernisse und Zeiten der Schwierigkeiten und des Unglücklichseins einstellen. Man mag sogar an einen Punkt kommen, an den man denkt, es ginge nicht mehr weiter.

„Wir sollten diese Schwierigkeiten und Hindernisse erwarten“, riet Seine Heiligkeit, „und darauf vorbereitet sein, sie freudvoll an und mit auf den Pfad zu nehmen, auch wenn das nicht leicht ist.“ Einige glauben fälschlicherweise, dass das Ziel von Dharma-Praxis der direkte Kontakt mit einem Yidam oder einer Meditationsgottheit sei oder der Erwerb irgendeiner Kraft oder Energie dadurch. Jedoch sind solche Erlebnisse nicht dazu geeignet, unser Leben in etwas Bedeutsames oder Wertvolles zu verwandeln.

„Der wichtigste Ansatzpunkt, um unser Leben in etwas Bedeutsames und Wertvolles zu verwandeln, ist es zu lernen wie wir anderen wirklich von Nutzen sein können und sicherzustellen, dass unsere Fähigkeit, anderen behilflich zu sein und den fühlenden Wesen zu nutzen, wächst und dass wir aus der Tiefe unseres Herzens danach streben, ein guter Mensch zu werden, der zum Nutzen der anderen wirkt.“ erläuterte der Karmapa.

Jederzeit sollten wir uns gegen Überheblichkeit wappnen. Scheinbar glauben manche, dass die sich durch Dharma-Praxis von anderen abheben würden und dass sie dadurch zu etwas Besonderem werden würden, überlegen gegenüber denjenigen, die keine Dharma-Praxis betreiben. So die Warnung des Karmapa, der zur Veranschaulichung die Geschichte vom Gold und vom Schlamm  wiedergab:

Vor langer, langer Zeit führten das Gold und der Schlamm ein Gespräch. Das Gold blickte auf den Schlamm herunter und sagte: „Schau wie ich glänze und wie schön ich bin! Welchen Wert hast Du denn? Du bist so dreckig und Du stinkst. Eigentlich bist Du durch und durch abstoßend. Was hast Du zu Deiner Verteidigung vorzubringen?“

„Nun,“ antwortete der Schlamm, „Vielleicht bin ich nicht nur schlecht. Aus mir wachsen Lotosblüten. Kannst Du auch Lotosblüten wachsen lassen? Und auch Gemüse, Pilze und allerlei andere Gewächse sprießen aus mir. Ich gebe ihnen Kraft und ernähre sie. Was kannst Du denn wachsen lassen?“

Das Gold hatte darauf keine Antwort.

„Was wir anhand dieses Beispiels lernen, ist, dass anstatt uns in etwas Besonderes zu verwandeln es viel wichtiger ist, dass durch uns etwas Nützlicheres und Hilfreicheres in der Welt entsteht.“,kommentierte Seine Heiligkeit.

„Wir sollten etwas zum Wohle der anderen fühlenden Wesen beitragen. Wir sollten zum Katalysator des Guten in der Welt werden. Das ist es, was gebraucht wird.“

Mit diesen Worten schloss sein Dharma-Vortrag und nachdem er sich erneut bei allen bedankt hatte und seine Hoffnung wiederholt hatte, beim nächsten Mal auch andere Länder Europas bereisen zu können und die Dharma-Freunde dort zu treffen, überreichte er dem Zentrum ein signiertes Thangka des Shakyamuni Buddha.

Im Anschluss an die Belehrung hatten viele der Abgesandten aus ganz Europa die Möglichkeit zu einer privaten Audienz mit Seiner Heiligkeit. Sie reihten sich geduldig entlang des Weges zum Haupthaus bis die Zeit für sie gekommen war, auf der schmalen hölzernen Treppe den vierten Stock zu erklimmen und sich an den Herunterkommenden vorbeizudrängen.

Schließlich – viel zu früh – verließ der 17. Karmapa am frühen Nachmittag das Zentrum, um zu seinem Hotel zurückzukehren. Er lächelte und winkte den mehreren hundert Menschen zu, die sich entlang des Weges, am Tor und auf der Straße vor dem Zentrum geduldig wartend aufhielten, nur um einen letzten Blick auf ihn zu erhaschen. Das offizielle Programm seines zweiten Besuches in Europa ist damit zu einem erfolgreichen Abschluss gekommen.

Das Bodhicharya Berlin befindet sich im ehemaligen Ostteil der Stadt Berlin. Der frühere Landwirtschaftsbetrieb war verfallen gewesen und steht nun aufgrund seiner historischen Relevanz unter Denkmalschutz. Viel Liebe und Hilfestellungen sind in die schrittweise Sanierung der Gebäude geflossen. Die Vision war und ist dabei, ein Zentrum nicht nur für Buddhisten zu errichten, sondern einen Treffpunkt für den interreligiösen Dialog zu schaffen und auch für Aktivitäten, die zur Verbesserung des körperlichen, mentalen und spirituellen Wohlergehens beitragen, wie Yoga und Tai-Chi. Bereits jetzt sind das Ausbildungsprogramm des Hospizdienstes und die Betreuung Sterbender ein wichtiger Bestandteil der Zentrumsarbeit.

Es handelt sich um ein buddhistisches Zentrum mit einer nicht-sektiererischen Ausrichtung, in das Lehrer aller vier Hauptrichtungen des tibetischen Buddhismus eingeladen werden sowie auch Lehrer nicht-tibetischer buddhistischer Traditionen.

 

 

– – –  ENGLISH VERSION (ORIGINAL)  – – –

THE HEART ESSENCE OF DHARMA:
BECOME A CATALYST FOR THE GOOD IN THE WORLD

Bodhicharya Centre, Berlin, Germany–September, 2015

More than 350 people comprising representatives of Bodhicharya centres across Europe, members and supporters of the Berlin centre, and invited guests crowded into the main shrine room to greet the 17th Karmapa on this his final teaching engagement during his second visit to Europe. A distant sound of Tibetan gyalin announced his arrival at the centre. His Holiness was greeted at the gates to the centre by its founder Ringu Tulku Rinpoche, who escorted him along the brick path through the buildings, preceded by a boy and a girl scattering flower petals. After planting a tree in the garden, His Holiness made his way to the shrine room.

Ringu Tulku Rinpoche welcomed the 17th Karmapa once more to Bodhicharya Berlin and confessed, “We didn’t make any progress with the building, but,” he continued, “we are determined to work for the people here and for the Dharma.” He highlighted in particular the programme of hospice training and the volunteers who cared for the dying–currently they are looking after thirty people–and presented His Holiness with a list of names of the dying and those who had died, requesting prayers for them.

As at previous centres during this visit, the Karmapa took the role of chant master and led everyone in the opening prayers. There was a simple mandala offering.

After greeting everyone and expressing his delight at returning to Bodhicharya Berlin once more, His Holiness commiserated with everyone over the lack of progress in constructing the centre. “It just shows that it is not an easy undertaking to establish a large Dharma centre in a huge city like Berlin,” he said, then thanked Ringu Tulku Rinpoche and the members and said how much he appreciated their efforts and the work they were doing.

As this would be his last teaching during his 2015 visit to Europe, the 17th Karmapa chose to return to the theme of how we must integrate the practice of the Dharma into everyday life. “I would like to talk again about what is really indispensable on the path, and what the heart essence of Dharma practice is,” he explained.

His first point was that we should strive to make our lives meaningful, based on an appreciation of their preciousness. “All Dharma practice should support this goal,” he said.

His second point was that, unfortunately, we often restrict our practice to a particular time when we say prayers or meditate, and then the rest of the time we are busy with our day-to-day life. If we compare the time spent practising with the time spent on other activities, it is obvious that this is not what might be called a successful Dharma practice. If our Dharma practice is to be successful, the Dharma has to permeate our lives, and not be restricted to a certain time of day spent in our shrine room. “We have to connect ourselves with the essence of the Dharma in all the other parts of our lives, right there where we live and work,” His Holiness emphasised.

Reflecting on the increased interest these days on meditation, His Holiness suggested that for many it had become “a break from the stress of their busy lives, what might be called a ‘spiritual vacation’” and that this type of practice “is linked to an experience of relaxation and well-being that we could call a ‘spiritual massage’.” People expected their practice to produce an experience of well-being, but it was questionable whether this could be called true Dharma practice, because true Dharma practice is not an analgesic, and viewing it as such might cause more pain in the long run. When we truly engage in Dharma practice, we work with our body, speech and mind. Particularly when we work with our mind and consciousness, we should foresee obstacles and times of difficulty and unhappiness. We may even reach a point where we think that we can’t go on. “We should expect these difficulties and obstacles,” His Holiness advised, ”and be prepared to joyfully accept them and taken them on to the path, but that is not easy.”

Some people mistakenly believe that the purpose of Dharma practice is to have a direct encounter with a yidam or meditation deity, or to gain some power or energy through this. However, such experiences are not the way to turn our lives into something meaningful and precious.

“The most important way in which we can turn our lives into something precious and meaningful is to learn how to really benefit others,” the Karmapa commented, “and to ensure that our ability to help and benefit other sentient beings grows, and that, with all our hearts, we aspire to become a good human being who works for the benefit of others.”

At all times we should guard against arrogance. It seems that some people believe practising Dharma sets them apart and makes them special in some way, superior to all those who don’t practice Dharma, the Karmapa warned, and to illustrate the point, he recounted the fable of Gold and Mud.
Once upon a time Gold and Mud had a conversation. Gold looked down at Mud and said, “Look at me! How I shine! How beautiful I am! What value do you have? You are so dirty and you stink. In fact, you are thoroughly disgusting. What do you have to say for yourself?”

“Well,” Mud replied, “Perhaps I’m not all bad. Lotus flowers grow from me. Can you grow lotuses? And vegetables, mushrooms, and lots of other plants all grow out of me. I give them strength and feed them. What can grow from you?”

Gold had no reply.

“What we learn from this example is that rather than turning ourselves into something special, it is much more important that through us something more useful and helpful is created in this world,” His Holiness commented. “We should contribute to the well-being of other sentient beings; we should become a catalyst for good in the world. This is what is needed.”

With these words, his Dharma talk ended, and after thanking everyone again and reiterating his hope that next time he would be able to visit other countries in Europe and meet Dharma friends there, he presented the centre with a signed thangka of Shakyamuni Buddha.

Following the teaching, many of the members from across Europe were able to have a private audience with His Holiness. They queued good-naturedly on the path outside the main house until their turn came to climb the narrow wooden staircase to the fourth floor, squeezing past those on their way down.
Then, all too soon, mid-afternoon, the 17th Karmapa left the centre to return to his hotel. He smiled and waved goodbye to the hundreds of people milling around the path and gate and along the road outside the centre, who had waited patiently for a final glimpse of him. The official programme of his second visit to Europe had reached a successful conclusion.

Bodhicharya Berlin is located in the former East Berlin. Originally an old farm which had fallen into disrepair, it is a protected site because of its historical importance. Much love and support has gone into the refurbishment of the buildings, stage by stage. The vision is to create not just a centre for Buddhists, but a welcoming space for inter-faith dialogue and activities which enhance physical, mental and spiritual well-being such as yoga and Tai chi. already, an important part of the work of the centre is hospice training and looking after people who are dying.

It is a non-sectarian Buddhist centre, inviting teachers from all four main traditions of Tibetan Buddhism and also from non-Tibetan Buddhist traditions.

(Source: http://kagyuoffice.org/the-heart-essence-of-dharma-become-a-catalyst-for-good-in-the-world/)