Treffpunkt Stupa – Ein Quelle des Wohls für die Wesen

Eine kurze Unterweisung zum Abschluss der Einsegnung eines Kadam-Stupas in Berlin von Chöje Lama Phuntsog, Legsheyling Shedra, Nepal

Die heilige Gemeinschaft, das „Sangha-Juwel“, gilt im Buddhismus als wichtige Stütze, ist Zufluchtsobjekt für uns, die wir Erleuchtung suchen. Statt ziellos und blind herum zu tappen, bietet buddhistischer Brauch bis dahin eine fröhliche und heilsame Alternative für den weltlichen Alltag: das Umwandeln heiliger Bauwerke, Gedenkstätten, Bibliotheken und Tempel. Gemeinsames oder gemeinsam einsames Pilgern über lange Strecken haben die meisten Religionen im Programm. Im Nahbereich bietet sich für Buddhisten neben dem Meditationskissen für die tägliche sinnvolle Nutzung von Freizeit der Gang um den Stupa an und „die Khora“, ein Rundweg um eine zentrale Anhäufung von Tempeln und Stupas, vorbei an Gebetsmühlen in allerlei Größen, mit bunten Gebetsfähnchen gesäumt. Man geht nicht nur einfach spazieren, sondern kann spielerisch am Wegesrand Heilsames anhäufen, indem man die Gebets-Mühlen dreht und dabei seinen Geist positiv ausrichtet. Obendrein trifft man andere, Nachbarn, Freunde oder Fremde mit gleichem Ziel, und das verbindet. Denn auch die Gemeinschaft des Ortes, an dem wir leben, macht uns das Leben leichter, ist Sangha. Wie kann man sie fördern?

 

Linienzeichnung der acht großen Stupas
© Robert Beer 1999 in The Encyclopedia of Tibetan Symbols and Motifs (GNU Lizenz)

Stupas, die Sinnbilder des erleuchteten Geistes, die in ihren architektonischen Details den Pfad zur Befreiung widerspiegeln, fungieren seit der Antike als Sendemasten der Heiligkeit, welche mit der Kraft der Reliquien, die sich in ihrem Inneren befinden, jeden, der vorbeigeht oder das Bauwerk von ferne sieht, heilsam verstrahlen sollen. Bei den Klöstern der Antike, in Gandhara und anderswo, findet sich häufig ein großer Stupa außerhalb der Klosterumfriedung, damit die Laien zu jeder Tages- und Nachtzeit dort ihre Verehrung darbringen, Trost und Ermutigung schöpfen können. Wer je die heitere Atmosphäre insbesondere morgens oder abends an einer Khora und den Stupas miterlebt hat, bedauert zutiefst, dass es so wenige davon in westlichen Ländern gibt, und diese häufig auch nicht durchgängig öffentlich zugänglich sind. In Berlin Friedrichshain wurde im vergangenen Herbst mit dem Bau eines großen Stupas im Bodhicharya e.V. begonnen. Ritual-Spezialisten aus Nepal wurden eingeflogen, um das Herz des Stupas fachgerecht zu füllen und einzusegnen. Zu dieser Gelegenheit bat die TiBu den Leiter der Gruppe, Chöje Lama Phuntsog, Gründer des Legsheyling Institutes in Nepal, ein paar Worte zum Aufbau, Sinn und Zweck eines Stupa zu sagen.

Was waren Ihre Gedanken, als man Sie bat, in Deutschland im kalten Winter, einen Stupa zu segnen?

Nun, was habe ich gedacht, als ich gefragt worden bin: Das wird allen Wesen auf der Welt, den Wesen in Deutschland, in Berlin und in dem Bodhicharya-Zentrum von Nutzen sein. Das Vorhaben, einen Stupa zu errichten, und wie es jetzt in die Tat umgesetzt wurde, freuen mich sehr.

Auch bei einem normalen Hausbau kommt es nicht darauf an, ob die Fassade schön aussieht, sondern darauf, wie die innere Konstruktion ausgeführt  wurde, der Grundriss, die Anordnung der Räume mit ihren Funktionen. Bei einem Stupa ist das sogar noch wichtiger. Einen Stupa als buddhistisches Bauwerk gibt es in allen Traditionen, ob Theravada, Mahayana oder Zen-Buddhismus, wobei sich die äußeren Formen jeweils unterscheiden, die gemeinsamen Grundelemente jedoch erkennbar bleiben.

Das Innere ist entscheidend

Chöje Lama Phuntsog, Berlin Winter 2016

Zuallererst dient ein Stupa dem Zweck, Ringsel (Reliquien) zu bewahren, als kleiner oder großer Schrein. In den Theravada-Ländern, Thailand, Sri Lanka etc. baut man sehr große Stupas, aber es kommt außer den Reliquien nichts in den Bau hinein. In den ostasiatischen Ländern, Korea, Vietnam, China oder Japan ähneln die Stupas hohen Türmen, aber auch sie enthalten Reliquien. In Nepal, Bhutan und Tibet orientiert sich die Errichtung von Stupas hauptsächlich an der Vajrayana-Überlieferung. Was deren Äußeres anbelangt, gibt es da etliche verschiedene Formen und entsprechende unterschiedliche Namen, aber im Inneren gleichen sie sich. In der Tradition des Vajrayana betrachtet man Stupas als außerordentlich relevant. Der Grund dafür besteht darin, dass sie als Basis sowohl für den Körper, die Rede und den Geist eines Buddha gelten, als einem der drei für Buddhisten wesentlichen Zufluchtsobjekte. Für die Basis des erleuchteten Körpers gibt man entsprechend Abbilder des Buddha, Thangkas oder Statuen, Tsa-Tsas, ganz egal ob groß oder klein, mit in den Stupa hinein. Für die erleuchtete Rede nimmt man entsprechend Bücher der buddhistischen Lehrreden, vor allem zur Sicht der Leerheit, aber auch verehrende Lobpreis-Verse zur Repräsentation. Die Werke der buddhistischen Literatur, die sich mehr mit weltlichen Angelegenheiten befassen, sind aber nicht geeignet, sondern nur authentische Reden des Buddha. Die Basis für den erleuchteten Geist bildet der Stupa selbst. Wir alle sind unbeständig, unser Äußeres wandelt sich stark. Was uns ausmacht und begleitet, ist der Geist. Daher ist der Geist von größter Bedeutung. Mithilfe des erleuchteten Geistes eines Buddha kommt es überhaupt erst zu den körperlichen Ringseln und zu den besonderen Qualitäten der Rede. Man unterscheidet im Vajrayana-Stupa fünf Arten von Ringseln, bzw. Reliquien-Beigaben. 1. Die Ringsel des Dharmakaya, sie werden durch allerlei Tsa-Tsa-Stupas repräsentiert, deren Form für den Buddha-Geist steht; 2. Dharma-Ringsel, als Mantra-Röllchen, Dharanis und Texte etc.; 3. Gebrauchsgegenstands-Reliquien, z.B. Kleidung, Gegenstände, die sich lange Zeit im Besitz erleuchteter Personen befunden haben, davon gibt man Stücke hinein; 4. körperliche Reliquien, Asche, Knochen, Zähne, Fingernägel, Haare oder eben Ringsel vom Körper erleuchteter Personen, des Wurzel-Lehrers u.s.w.; 5.Senfkorn-Ringsel (yungs `bru tsam ring bsrel), bei ihnen handelt es sich nicht um Reliquien wie Knochen o.ä. sondern es sind winzige Perlchen, die ein Erleuchteter, der Wurzel-Lehrer usw. hinterlassen haben. Sie nennt man „Reliquien wie ein Senfkorn“. Das Vorhandensein dieser Fünf Arten von Reliquien ist Voraussetzung für einen Stupa, er entfaltet seine Wirkung erst, wenn sie vollzählig hineingegeben wurden, er ist eben nicht leer und hohl innen.


Fünf Arten der Reliquien, die in den Stupa gehören:

  1. Dharmakaya-Reliquien
  2. Dharma-Reliquien
  3. Gebrauchsgegenstands-Reliquien
  4. Körperliche-Reliquien
  5. Senfkorn-Reliquien

Wir haben hier viele Tsa-Tsas hergestellt, aber diese müssen in ein bestimmtes Mandala eingefügt werden. Zwei Mandalas befinden sich im Stupa. Die Dharmakaya-Reliquien werden in eines davon eingefügt, in das „Mandala der fleckenlosen Scheitel-Kronen-Erhöhung“ (gstug tor dri med dkyil `khor). Darüber liegt das zweite, das „Mandala der fleckenlosen Lichtstrahlen“ (`öd zer dri med dkyil `khor). Die Dharma-Reliquien der Rede liegen als dicht gepackter, kompakter Block in einer eigenen Kammer im Inneren über dem zweiten Mandala, und sie dient wirklich als Stütze für ihre Verbreitung. In diesen Stupa hier haben wir dann noch die Gebrauchs-Reliquien, Statuen, Stupa-Tsa-Tsas, körperliche und Senfkorn-Reliquien eingefügt, die dafür gespendet wurden.

In Abhängigkeit von den Elementen und Mitbewohnern

Khenpo Karma Nyamgyal (links) und Chöje Lama Phuntsog (rechts), Berlin, Winter Ende 2016

Im Zentrum des Stupas befindet sich das Lebensholz. Allein um diesen Stamm fachgerecht herzurichten, mit Mantren etc. zu versehen, hat mein Begleiter, Lama , zehn Tage gebraucht. Unter den drei Kammern mit den fünf Reliquien befinden sich die vier Abteilungen der Schatzvasen. Insgesamt neun, davon, eine im Zentrum und acht im Kreis herum. Ihr Inhalt steht in Verbindung mit den Elementen Erde, Wasser, Feuer, Wind und Äther, und ihr Sinn besteht darin, Schaden abzuwenden und die Elemente in einer harmonischen Balance zu bewahren. Dahinter steht das Bewusstsein unserer Abhängigkeit von den Elementen, die unseren Körper ausmachen und durchdringen. Erde, Materie, bildet unsere materielle Existenz, ohne Wasser gibt es kein Leben, aber ein Zuviel davon im Körper oder verseuchtes Wasser machen krank. Feuer bedeutet Wärme, ohne die ebenfalls Leben nicht möglich ist, aber auch hier kommt es auf das richtige Maß an. In gleicher Weise das Wind-Element. Ohne das gäbe es keine Bewegung, keinen Austausch und in seiner subtilsten Form kein Begreifen. Diese Glücks-Vasen sollen unserer abhängigen Verbindung zu den Elementen entsprechend sicher stellen, dass diese in gesunder Weise für uns wirksam sind. Umweltschutz ist heutzutage in aller Munde, und es hängt von unserem Einfluss ab, wie wir mit der Umwelt, von der wir abhängig sind, umgehen. Diese Vasen in die Erde zu geben, ist ein hilfreiches Mittel dabei, die Grundlage der Elemente für alle Lebewesen zu harmonisieren. Was diesen Ort hier und alle Orte anbelangt, haben sie Besitzer, verschiedene nicht-menschliche Wesen. Ihr Leute vom Zentrum mögt ja denken, dass Ihr der Besitzer hier seid, tatsächlich aber gehört der Ort jemand anderem, einer lokalen Gottheit. Die hier vom Bodhicharya kenne ich jetzt. Auf dem hinteren Teil des Geländes gibt es noch ein leeres, etwas düsteres, altes Gebäude. Da geht es nicht so richtig voran. Ringu Tulku Rinpoche hatte mich gebeten, mich dort einmal umzusehen, weil der Ort ihm befremdlich vorkam. Also bin ich hin. Einige Leute hatten wohl berichtet, dass dort die Kinder öfter quengeln, und die zeitweiligen Bewohner dort über Schlafprobleme,  Kopfschmerzen und allgemeines Unwohlsein klagten. Er hatte dann befriedende Rituale gemacht, wonach die Situation sich besserte. Ja, da gibt es einen Besitzer des Ortes. Im Westen schenkt man dem allgemein keinen großen Glauben. Aber eine der Schatzvasen in der untersten Kammer ist für diese Wesen bestimmt. Wenn die Menschen im Einklang mit diesen nicht-menschlichen Wesen am Ort leben, ist das für alle gut, denn oft haben diese auch einen Einfluss auf Zwistigkeiten in Gemeinschaften. Ein gut gegründetes Gebäude führt dazu, dass die Leute glücklich sind, und dass hat Auswirkungen auf die ganze Nachbarschaft. Diesen Zweck erfüllt die Vase an die Ortsschützer. Eine andere Vase ist für die Nagas, auch eine Gruppe nicht-menschlicher Wesen. Ihr Wohnort liegt im Wasser, im Meer, im See oder im Fluss. Ihr Wesen ist von starker Missgunst gekennzeichnet. Sie sind unberechenbar. Wenn sie einem wohlgesonnen sind, können sie einem viele Wohltaten erweisen. Macht man sie sich zum Feind, richten sie enormen Schaden an. Damit sie das erstere tun, erhalten sie die Vase zur Beschwichtigung. Eine weitere Vase wird Jambhala, dem Hüter der nördlichen Himmelsrichtung offeriert, der für seine Schätze bekannt ist. Wir alle benötigen ja einen gewissen Wohlstand. Daher kann es nur von Nutzen sein, um seine Unterstützung zu werben. All die Vasen im Boden des Stupa sollen diese vielfältigen positiven Einflüsse gewährleisten. Darüber die beiden Mandalas mit den Fünf Arten von Reliquien, wobei die Reliquien des Dharma in der Kammer mit den Schriften untergebracht sind. Und nachdem nun so viel Vorarbeit im Zusammentragen all der Voraussetzungen für diesen Stupa geleistet wurde, die komplexen Rituale der Segnungen und all die dafür notwendigen Materialien, unsere weite Anreise aus Nepal und die Arbeiten hier vor Ort für das Innere abgeschlossen sind, kann der Stupa enormen Nutzen bringen. Dafür werde ich Gebete machen. An diesem Stupa haben bereits durch ihr Mitwirken viele ihr Karma verbessern und ihre Qualitäten entwickeln können, und in der Zukunft werden das noch viele mehr sein, die an ihn herantreten, wodurch die ganze Gesellschaft sich verbessert. Von all den möglichen Formen wird dieser Stupa hier als ein Kadam-Stupa gestaltet, nach Rücksprache mit S. H. Karmapa, so wie der Stupa auf dem großen Tempel in Bodh Gaya.

Vertrauen aufbauen

Wenn ihr dann mit Vertrauen euch dem Stupa widmet, werdet ihr den Segen erfahren; ohne Vertrauen wird er nichts bewirken. Vertrauen ist sehr wichtig. Wenn einem jedoch das Wissen fehlt und damit gute Begründungen, kann sich kein echtes Vertrauen einstellen. Indem wir diesen Stupa nach seinem historischen Vorbild gestalten und damit an eine Kontinuität anknüpfen, setzen wir diese fort, aber das lebendige Vertrauen und damit einhergehende Bemühen im eigenen Leben, das hängt dann von uns ab. Zum Beispiel wird ja manchmal über jemanden gesagt: „Das ist ein guter Mensch, gelehrt, intelligent, mit vielen hervorragenden Eigenschaften!“, aber wenn er dann vor uns steht und wir in das Gesagte kein Vertrauen haben, bleibt das für uns bedeutungslos, und uns fehlt dann jegliche Zuversicht, dass von ihm etwas Gutes zu erwarten ist. Also sage ich Euch heute: Nutzt den Stupa, umwandelt ihn in guter Weise, richtet eure Wunsch-Gebete an ihn in guter Weise. Und habt ihr Vertrauen, wird sich der Nutzen erweisen.

Übersetzung Nicola Hernádi.
Veröffentlicht in Tibet und Buddhismus Nr. 116, Mai 2017, Seiten 40-43.
Mit freundlicher Erlaubnis von Tibet und Buddhismus.

Weiterführende Informationen