JamgonKongtrul

Die Rimé-Bewegung von Jamgon Kongtrul dem Großen

von Ringu Tulku Rinpoche, Dipl. Tibetologie, NIT, Acharya, Ph.D. 
7. Internationale Konferenz für Tibetische Studien, 1995

Die verschiedenen Traditionen des tibetischen Buddhismus bewahren ihre jeweilige Individualität entlang einer Übertragungslinie von Lehrern. Bisweilen entstehen Missverständnisse, wenn ein Lehrer seine Studien auf die Schriften seiner eigenen Tradition beschränkt. Die philosophischen Unterschiede sind jedoch so subtil, dass es extrem schwierig ist, sie mit allen Implikationen richtig zu erfassen.

Jamgon Kongtrul der Große, einer der führenden Gelehrten des 19. Jahrhunderts, brach mit den sektiererischen Beschränkungen und erabeitete sich fundierte Kenntnisse rivalisierender Anschauungen. Mit großem Mut und Geschicklichkeit trug dieser ausgezeichnete Gelehrte die grundlegenden Belehrungen aller tibetisch-buddhistischer Schulen in seinem enzyklopädischen Werk, “Die Fünf Großen Schätze”, zusammen. Dieses Werk bewahrte die Traditionen während der gegenwärtigen kulturellen Krise in Tibet vor der Zerstörung.

Der vorliegende Text befasst sich mit dem Prinzip des “Rimé” (Wylie: Ris-Med) aus Jamgon Kongtruls Sicht in Bezug auf viel diskutierte Themen wie die Rangtong- und Shentong-Sichtweisen und die Kritik an den neu- und alt-tantrischen Schulen.

Die Rimé (Ris-Med)-Bewegung von Jamgon Kongtrul 
dem Großen

von Ringu Tulku Rinpoche

In den 1970er Jahren war ich mit Nachforschungen zur Rimé-Bewegung (Wylie: Ris-Med) beschäftigt. Dadurch bekam ich Gelegenheit zu Treffen und Interviews mit einer ganzen Reihe prominenter tibetischer Lamas, einschließlich Seiner Heiligkeit des Dalai Lama und der Oberhäupter der vier großen Schulen des tibetischen Buddhismus. Ich erstellte einen Fragenkatalog. Eine der Fragen, die ich an alle stellte, war, ob sie glaubten, dass auch andere Schulen des Buddhismus den Weg zur Erlangung der Buddhaschaft aufzeigen. Ich bin nie so scharf zurechtgewiesen worden, wie auf das Stellen dieser Frage hin! Alle von ihnen, ohne Ausnahme, waren schockiert, fühlten sich beleidigt und waren tieftraurig, dass ich als Mönch überhaupt solche Zweifel hegen konnte. Sie weigerten sich, mit mir zu sprechen bis ich sie davon überzeugt hatte, dass dies eine jener unwichtigen, verfahrenstechnischen Fragen sei, die zum modernen Universitätssystem gehörten.

DalaiLamasLineageHolders

Dieses vor einigen Jahren aufgenommene Foto zeigt Seine Heiligkeit den Dalai Lama mit Mitgliedern der Sangha, inklusive den Oberhäuptern der vier tibetisch-buddhistischen Traditionen, vor dem Bildnis des Buddha Shakyamuni.

 

“Wie können Sie so etwas sagen?”, tadelten sie mich. “Alle Schulen des Buddhismus praktizieren die Lehren des Ehrwürdigen Buddha.” Darüber hinaus haben die buddhistischen Schulen in Tibet sogar noch mehr gemeinsam. Sie alle stützen ihre Hauptpraxis auf das Anuttara Tantra des Vajrayana. Ihre Philosophie ist die des Madhyamika; sie alle führen ihre klösterlichen Regeln auf den Vinaya der Sarvastivada-Schule zurück.

Eines der einzigartigen Merkmale des Buddhismus ist schon immer die Anerkennung der Tatsache gewesen, dass unterschiedliche Menschen unterschiedliche Pfade brauchen. Ebenso wie ein einziges Medikament nicht alle Krankheiten heilen kann, so kann ein einziger Lehransatz nicht allen Wesen helfen – dies ist eines der grundlegenden Prinzipien des Buddhismus.

Man wählt sich aus den Sutras und/oder Tantras des Buddhistischen Kanons die am besten geeigneten aus und macht sie zur Grundlage für die eigene Praxis. Dies ist der Ursprung der unterschiedlichen Schulen im Buddhismus. Es gibt im Buddhismus keine “Sekten”, denn es gibt keine Gruppen, die sich von der eigentlichen Lehre abgespaltet hätten. Die unterschiedlichen Linien bildeten sich eben unter denen, die nach denselben Unterweisungen praktizierten, heraus.

In Tibet, wie auch anderswo, praktizierten und studierten diese unterschiedlichen Schulen in einer voneinander isolierten Umgebung und verloren dadurch großteils den Kontakt mit anderen Schulen und Linien. Nicht-Kommunikation ist stets eine Brutstätte für Missverständnisse. Selbst wo es keine Missverständnisse oder mangelnden Respekt anderen Schulen gegenüber gab, gingen manche Praktizierende in ihrem eifrigen Enthusiasmus für die Erhaltung der Reinheit ihrer eigenen Linie so weit, jegliche Belehrungen durch Meister anderer Linien zu verweigern und sie verwahrten sich dagegen, die Texte anderer Schulen zu studieren. Unwissenheit ist der fruchtbarste Boden für aufkeimende Bedenken und fehlerhafte Wahrnehmung. Dies ist das Feld, zu dem die Rimé-Bewegung von Jamgon Kongtrul (1813–1899) und Jamyang Khentse (1820–1892) den größten Beitrag zu leisten vermochte.

Was ist “Rimé”?

Ris oder Phyog-ris auf Tibetisch bedeutet “einseitig”, “parteiisch” oder “sektiererisch”. Med bedeutet “Nicht”. Ris-med (Wylie) oder Rimé bedeutet daher “keine Seiten”, “nicht-parteiisch” oder “nicht-sektiererisch”. Weder bedeutet es “nonkonformistisch” oder “unverbindlich”; noch steht es für die Gründung einer neuen Schule oder eines neuen Systems, verschieden von den bereits existierenden Schulen. Jemand, der sich dem Weg des Rimé verschrieben hat, folgt ziemlich sicher einer Linie für seine oder ihre Haupt-Praxis. Er oder sie sagt sich nicht von der Schule los, von der er oder sie geprägt worden ist. Kongtrul wuchs mit der Nyingma- und der Kagyu-Tradition auf; Khentse wurde in einer strengen Sakya-Tradition ausgebildet. Sie versäumten nie, sich zu ihrer Zugehörigkeit zur jeweils eigenen Schule zu bekennen.

Rimé dient nicht der Vereinigung verschiedener Schulen und Linien durch Betonung ihrer Gemeinsamkeiten. Es ist im Grunde eine Wertschätzung der Unterschiede und ein Anerkennen der Wichtigkeit solcher Vielfalt zum Wohle der Praktizierenden mit unterschiedlichen Bedürfnissen. Die Rimé-Lehrer achten deshalb sehr sorgfältig darauf, dass die Lehren der einzelnen Linien sowie deren einzigartiger Stil und ihre jeweiligen Methoden erhalten und nicht mit anderen Linien vermischt werden. Das Bewahren des ursprünglichen Stils und der Original-Methoden sichert die Kraft, die in den Erfahrungen einer Übertragungslinie steckt. Kongtrul und Khentse bemühten sich sehr, den ureigenen “Geschmack” einer jeden Belehrung zu erhalten und sie dennoch vielen Menschen zugänglich zu machen.

Kongtrul schreibt in einer Biographie über Khentse:

Heutzutage beschäftigen sich viele Leute recht wirr mit Behauptungen und Negationen sogenannter philosophischer Unterschiede wie zum Beispiel Rangtong und Shentong, usw. Sie versuchen alle anderen um jeden Preis auf ihre Seite zu ziehen! Als er (Khentse Rinpoche) lehrte, gab er die Belehrungen jeder einzelnen Linie klar und verständlich und ohne Verwirrung zu stiften hinsichtlich der Begriffe und Konzepte anderer Linien. Dann riet er seinen Schülern:

‘Das übergeordnete Thema, das es zu definieren gilt, ist die Absolute Natur, oder Dharmata, der Phänomene. Im Prajnaparamita Sutra heißt es, “Dharmata ist nicht (mit dem intellektuellen Verstand) begreifbar und kann nicht in Konzepten wahrgenommen werden.” Selbst Ngog Lotsawa, das krönende Juwel aller tibetischen Logiker, sagt, “Die Absolute Wahrheit ist nicht nur jenseits der Dimension von Sprache und verbalem Ausdruck, sondern auch jenseits von intellektuellem Verständnis.” Die Absolute Natur kann von unserem samsarischen Geist nicht vollständig ermessen werden. Die großen Heiligen (Siddhas) und Gelehrten untersuchten die Absolute Natur aus verschiedenen Blickwinkeln, und jedes der von ihnen beschriebenen Verfahren beruht auf einer Reihe von vernünftigen Gründen und logischen Abfolgen. Wenn wir der Tradition unserer eigenen Linie folgen und die Meister unserer eigenen Linie gründlich studieren, so sollten wir keinen Anlass dazu finden uns sektiererisch vorzukommen. Wenn wir allerdings die Begriffe und Systeme der verschiedenen Traditionen verwechseln, oder wenn wir versuchen die Vorgehensweisen anderer Traditionen einzuführen, weil wir kein umfassendes Verständnis unserer eigenen Tradition haben, dann werden wir unseren Geist gewiss so durcheinanderbringen wie ein schlechter Weber seine Garne. Das Problem der Unfähigkeit, unsere eigenen traditionellen Belehrungen zu erklären, entsteht aus der Unkenntnis unseres eigenen Lernstoffes. Wenn das geschieht, verlieren wir das Vertrauen in unsere eigenen Traditionen; zugleich sind wir nicht in der Lage, andere zu kopieren. In den Augen anderer Gelehrter machen wir uns lächerlich. Es ist daher am besten, die Lehren unserer eigenen Schule gründlich zu verstehen.’

Auf diese Weise können wir die Übereinstimmung aller Pfade erkennen. Alle Lehren können als Unterweisungen betrachtet werden und somit sollten sektiererische Gefühle schon im Ansatz verkümmern und absterben. Die Lehren des Buddha werden sich in unserem Geist verwurzeln. Die Tore zu den 84 000 Gruppen von Belehrungen werden sich mit einem Mal öffnen.

Das Rimé-Konzept hatte seinen Ursprung nicht bei Kongtrul und Khentse – und war auch nichts Neues im Buddhismus. Buddha verbot seinen Schülern sogar, die Lehren und Lehrer anderer Religionen und Kulturen zu kritisieren. Die Botschaft war so stark und unmissverständlich, das Chandra Kirti Nagarjunas Abhandlungen über Madhyamika verteidigen musste, indem er sagte, “Wenn man im Bemühen um ein Verstehen der Wahrheit die Missverständnisse einiger Menschen beseitigt und dadurch einige Anschauungen beschädigt werden, so kann das nicht als Kritik an den Sichtweisen anderer gelten.” (Madhyamika-avatara). Ein wahrer Buddhist kann nur nicht-sektiererisch sein und sich den Rimé-Ansatz zu eigen machen.

Lehrstreitigkeiten

Warum gibt es dann so viele Debatten und so vielfältige Kritik zwischen den verschiedenen Schulen des Buddhismus? Es gibt im Tibetischen ein altes Sprichwort:

ITa.wa.mThun.na.mKhas.pa.min.
dGongs.pa.ma.mThun.na.Grub.thob.min.

Wenn zwei Philosophen übereinstimmen, ist einer von ihnen kein Philosoph. 
Wenn zwei Heilige uneinig sind, ist einer von ihnen kein Heiliger.

Es ist allgemein anerkannt, dass alle realisierten Wesen die gleiche Erfahrung haben, doch das Problem besteht darin, diese auch anderen zu vermitteln. In fast allen Debatten geht es um den unterschiedlichen Gebrauch von Sprache. So dreht sich zum Beispiel die Hauptdebatte zwischen Sautantrika und Prasangika Madhyamika darum, ob das Wort Don.dam.par (letztlich) zu verwenden ist oder nicht. Ob es also zum Beispiel heißen muss “Die Form ist leer.” oder “Die Form ist letztlich leer.”

Die legendäre, zehn Jahre andauernde Debatte zwischen Chandra Kirti und Chandra Gomin ist ein gutes Beispiel. Beide Meister gelten gemeinhin als realisierte Wesen. Worüber debattierten sie dann? Sie debattierten darüber, wie die Lehren sprachlich zu gestalten wären, um die Gefahr von Fehlinterpretation so gering wie irgend möglich zu halten.

Rangtong und Shentong

In Tibet hat es sehr viele hitzige Debatten gegeben zwischen den Vertretern der Rangtong- (Wylie, Rang-stong) und denen der Shentong- (Wylie, gZhen-stong) Sichtweise. Die historischen Umstände beider philosophischen Richtungen sind den Tibetologen wohlbekannt. Kongtrul hat Folgendes über die beiden Systeme zu sagen:

Zwischen der Rangtong- und Shentong- Richtung des Madhyamika besteht kein Unterschied im Realisieren alle Phänomene, die wir auf einer relativen Ebene erfahren, als ‘Shunyata’. Sie unterscheiden sich auch nicht beim Erreichen des meditativen Zustandes, in dem sich alle Extreme (Vorstellungen) gänzlich auflösen. Verschiedenheit ergibt sich durch die Wahl der Worte, die sie zur Beschreibung der Dharmata verwenden. Shentong beschreibt die Dharmata, den Geist des Buddha, als ‘letztlich real’, während Rangtong-Philosophen befürchten die Menschen könnten sie bei einer solchen Umschreibung als ein Konzept von ‘Seele’ oder ‘Atma’ missverstehen. Ein Shentong-Philosoph glaubt, dass die Möglichkeit zu einem Missverständnis noch größer ist, wenn der erleuchtete Zustand als ‘unwirklich’ unreal und ‘leer’ beschrieben wird. Kongtruls Ansicht nach ist die Art der Rangtong-Präsentation die beste zur Auflösung von Konzepten und die Shentong-Formulierung kann die Erfahrung am besten ausdrücken.

Nyingma und Sarma

Kongtrul ging mit den Problemen der Alten und Neuen Übersetzung der Tantras in gleicher Weise um. Kongtrul sagte, es gäbe zwei Begründungen für die Echtheit der Tantren. Erstens wurden die ursprünglichen Fassungen auf Sanskrit gefunden und zweitens haben sowohl die alten als auch die neuen Übersetzungen der Tantren dieselben Sichtweisen und dasselbe Verständnis. Kongtrul verdeutlichte dies in seinem Werk Vol.Ta mit dem Titel Ita.wai.’Bel.gTam.

So wurde der Mahamudra-Pfad in allen Sutren und Tantren klar festgelegt. Er ist den Sems.sde-Lehren von Zogpa Chenpo gleich. Die fünf großen Sakyapa-Lamas standen ebenfalls für die letzgültige Madhyamika-Philosophie und die Mahamudra-Sichtweise. Obwohl Sakya Pandita (einige Aspekte von Kagyu-Praktiken) kritisierte, sind seine eigentlichen Ansichten klar dargelegt in bDag.med.bTod.’Grel. Auch die endgültige Anschauung von Je Tsongkhapa ist unbestreitbar dieselbe wie die von Zogpa Chenpo, zu finden in Shus.len.bDud.tsi.sMan.mChog.

Das Rimé-Verständnis der buddhistischen Pfade wird von Rangzom Chokyi Zangpo, einem hochgeachteten Nyingma-Meister des elften Jahrhunderts deutlich beschrieben:

Alle Lehren des Buddha haben einen Geschmack, einen Weg – alle führen sie zur Wahrheit, alle gelangen sie bei der Wahrheit an. Wenngleich es auch verschiedene Yanas gibt, so widersprechen diese einander nicht und entziehen einander auch nicht die Grundlage. Die Dinge, die in den niederen Yanas ganz klar dargelegt werden, werden in den höheren Yanas weder verändert noch abgelehnt, sondern so akzeptiert wie sie sind. Was in den niederen Yanas nicht vollständig geklärt wird, wird in den höheren Yanas verdeutlicht, doch die grundlegende Struktur wird nicht verändert, und es wird Punkten, die bereits eindeutig sind, nicht widersprochen. Daher gehen die verschiedenen Yanas und Schulen nicht in unterschiedliche Richtungen und gelangen nicht zu unterschiedlichen Schlussfolgerungen. (grobe Übersetzung).

bsTan.pa.thams.ced.’gal.med.du.rTogs, gzung.lugs.thams.ced.gDams.par.shan.

Sehe Harmonie in allen Lehren! Empfange Unterweisungen von allen Lehrtraditionen!

Dies ist eine der wichtigsten Aussagen der Kadampa-Meister.

Wenn wir die Lebensgeschichten der großen Meister aller Schulen untersuchen, entdecken wir, bei wievielen Lehrern verschiedener Schulen und Linien sie lernten und wie sehr sie diese respektierten. Die Konflikte zwischen Lamas und Klöstern und manchmal sogar den Regionen Tibets werden heute oft als religiöse Konflikte oder Lehrstreite dargestellt. Bei beinahe keinem davon handelt es sich um grundlegende Differenzen hinsichtlich Doktrin oder gar Philosophie. Die meisten dieser Konflikte haben ihren Ursprung in Problemen mit Persönlichkeiten oder Rivalitäten auf der Ebene der weltlichen Einrichtungen.

Die Rimé-Bewegung von Kongtrul und Khentse war kein neues Konzept, sondern eine zeitgemäße und einzigartige Bewegung mit großen Auswirkungen. Ein großer Teil der buddhistischen Literatur wäre ohne die Anstrengungen dieser beiden Koriphäen für ihren Erhalt verloren gegangen. Obgleich Khentse die Inspirationsquelle war und diese Bemühungen beträchtlich vorantrieb, war es Kongtrul, der letztlich das riesige Werk “Die Fünf Großen Schätze” zusammentrug. Kongtruls Zusammenstellung und Weitergabe der Unterweisungen der “Fünf Großen Schätze”, zusammen mit sGrub.thabs.kun.bTus und rGyud.bDe.kun.bTus., durchbrach die Isolation der Belehrungen einzelner Linien für die meisten der tibetisch-buddhistischen Schulen. Es etablierte sich eine Tradition, von einem Lehrer und an einem Ort Belehrungen verschiedener Linien und Schulen zu empfangen.

Man nehme das Beispiel des gDams.ngag.mZod, einem Kompendium der meisten der wesentlichen Unterweisungen aller acht Praxis-Linien (sGrub.brGyud.Shing.ta.brGyad), das nun in einer Linie erhalten wird. Unterweisungen dieser Art sind nicht nur allgemein üblich geworden, sondern sind bei allen Meistern sämtlicher Schulen des tibetischen Buddhismus sehr beliebt.

Der große Erfolg auf diesem Gebiet entstand auch dadurch, dass Kongtrul selber diese Unterweisungen gab, viele Male und vor den unterschiedlichsten Schülern, vor Linienhaltern genauso wie vor einfachen Laienpraktizierenden. Unter seinen diversen Schülern gab es viele, die die Linie in ihren eigenen Schulen und Klöstern weitergeben konnten. Kongtrul war auch in der Lage, noch zu Lebzeiten beinah alle seinen wichtigsten Werke (als Holzdrucke) veröffentlichen zu lassen. Als 1959 Tibeter nach Indien kamen, war die Gesamtausgabe der “Fünf Großen Schätze” erhältlich. S.H. Karmapa und S.H. Dudjom Rinpoche begannen in Indien ab 1960/61, Unterweisungen aus verschiedenen Sammlungen zu geben. Außer der täglichen Praxisanweisung für beide war das einzige tibetische Buch, das Chogyam Trungpa mit nach Europa brachte, als er und Akong Rinpoche Anfang der 60er Jahre erstmals nach England kamen, eine Ausgabe von Kongtruls She-bya.dZod (Schatz der Erkenntnis / Treasury of Knowledge).

Seine Heiligkeit, der 14. Dalai Lama, wurde stark beeinflusst von einigen großen Rimé-Lehrern wie Khunu Lama Tenzin Gyaltsen, Dilgo Khentse Rinpoche und dem 3. Dodrupchen Tenpe Nyima. Dank ihrer Bemühungen hat es in den letzten Jahren zwischen den verschiedenen Schulen des tibetischen Buddhismus mehr Austausch von Unterweisungen gegeben als jemals zuvor. Der Rimé-Tradition folgend, hat der Dalai Lama Unterweisungen aller Schulen in ihren jeweiligen Traditionen und Linien empfangen und gegeben.

Ringu Tulku Rinpoche
Dip. Tibetology, NIT, ACHARYA, Ph.D.
June, 1995

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