Der Karmapa besucht das Bodhicharya-Zentrum

von Michele Martin

6. Juni 2014, Berlin

An diesem sonnigen Morgen fuhren der Karmapa und seine Entourage durch die Kinzigstraße im früheren Ost-Berlin zu einem Besuch im Bodhicharya-Zentrum, das von Ringu Tulku Rinpoche gegründet wurde. Die Mauer des Zentrumsgeländes entlang der Straße ist mit bunten Zeichnungen der acht glücksverheißenden Symbole verziert, die zum Haupteingang leiten. Seine Tore sind weit geöffnet und ermöglichen den Blick auf ein ländliches Fleckchen in diesem Winkel der Stadt. Geschwungene Pfade, gesäumt von Gräsern und Blumen, führen an eingeschossigen Gebäuden aus rotem Backstein entlang zur großen Meditationshalle weiter hinten auf dem Grundstück. Darüber befinden sich besondere Räumlichkeiten für den Karmapa, einschließlich eines Balkons mit Blick über die Gärten und die nähere Umgebung.

Die Architektin Inka Drohn erzählt die Geschichte dieses Ortes:

Das Gelände ist denkmalgeschützt, da es vom Wandel von ländlicher hin zu städtischer Architektur zeugt. Die Gebäude in der nächsten Nachbarschaft sind hoch und mehrgeschossig, doch diese sehr niedrigen Gebäude sind wie eine kleine Siedlung mit vielen versteckten Ecken. So wie wir das Bodhicharya-Zentrum betreiben, eignen sich diese Winkel und Eckchen besonders gut für uns, denn sie erlauben viele verschiedene Aktivitäten gleichzeitig, ohne dass man sich untereinander stört. So können Aktivitäten mit Kindern zur gleichen Zeit stattfinden wie Meditation.

Inka führt fort:

Das Zentrum ist wie ein kleines Dorf inmitten der großen Stadt Berlin strukturiert. Wir haben die Größenverhältnisse der Gebäude erhalten, mussten jedoch das Innere der Häuser an ihre neue Nutzung anpassen. Das Gelände umfasst 1800 qm, und wenn wir hier arbeiten und jemand anfängt zu kochen, könnte er denken, es sind zehn Leute da, doch wenn dann mit dem Gong zum Essen gerufen wird, tauchen hundert Leute auf. 

Das Zentrum ist für Alle von früh morgens bis spät abends geöffnet und voller Aktivitäten, die von Tai Chi und diversen Arten von Yoga bis zu unterschiedlichen Meditationspraktiken reichen und sogar Stupa-Bau mit einschließen. Die Mitglieder von Bodhicharya engagieren sich im Hospizdienst und haben in den vergangenen zehn Jahren auch „Work-Study“-Seminare für Studenten aus der ganzen Welt veranstaltet. Das Zentrum ist im interreligiösen Dialog aktiv und lädt auch Lehrer verschiedener tibetischer Traditionen ein hier zu lehren. In Übereinstimmung mit dem tiefen Interesse des Karmapa an Umweltschutz ist Bodhicharya auf diesem Gebiet sehr engagiert und wurde als eines von fünf Projekten für das Forschungsprogramm „Urbane Strategien für den Klimawechsel“ ausgewählt. Als Beitrag für die Nachbarschaft wurde ein Kinderspielplatz angelegt. Die Veranstaltungen bei Bodhicharya finden durchgängig nach dem Dana-Prinzip des freien Gebens statt, so dass das Zentrum für seinen Unterhalt acht kleine Wohnungen vermietet und auch größere Räumlichkeiten für eine Vielfalt an Gastveranstaltungen kostenpflichtig anbietet.

Als der Karmapa zu diesem Zentrum für spirituelle und soziale Aktivitäten kam, blieb er zunächst vor einem großen Kreis weißer Steine, vom Garten umgeben, stehen, damit er diesen Ort für eine sechs Meter hohe Stupa segnen und ihren Grundstein legen konnte. Dann betrat er die zweigeschossige Halle des Haupttempels, in dem er von den Mitgliedern der Gemeinschaft und geladenen Gästen erwartet wurde.

Ringu Tulku Rinpoche hieß ihn mit diesen Worten willkommen:

Schon lange haben wir uns gewünscht und darauf gewartet, dass Seine Heiligkeit Karmapa diesen Ort besuchen kann. Er wurde für Sie/ Euch errichtet, und wir sind dabei, einige Räume für Sie auszustatten, so dass Sie hoffentlich bei Ihrem nächsten Besuch hier wohnen können.

Dies war ein sehr alter Ort, eine Ruine, die die Stadt uns gab. Mehr als zehn Jahre lang haben wir sie rekonstruiert und renoviert, vor allem mit ehrenamtlicher Unterstützung. Wir haben diese Buddha-Statue von einem Künstler aus München bekommen, wo sie mit dem Rücken auf der Straße lag. Viele Buddhisten protestierten, doch niemand unternahm etwas, also haben wir etwas unternommen. 

Mit dem ihm eigenen Sinn für Humor fügte Rinpoche hinzu, „Wir haben dem Buddha Zuflucht gegeben“.

Dann fuhr er mit einer Beschreibung des Zentrums fort:

Auf diesem kleinen Gelände wachsen mehr als fünfhundert Heilpflanzen, die von einem Botaniker registriert wurden. Hier leben auch eine besondere und seltene Art von Bienen sowie zwei weitere Insektenspezies, die beinah ausgestorben sind. … Auch wenn das Zentrum noch nicht fertig ist, finden hier viele Aktivitäten statt. Jede Woche gibt es dreißig Kurse, die von buddhistischer Meditation hin zu Yoga, Tanz und der Kunst des Bogenschießens reichen. Das Bodhicharya-Zentrum wird nach dem Prinzip des nicht-sektiererischen Rime geführt, so dass wir Meister vieler Traditionen und vieler Schulen des tibetischen Buddhismus einladen. Wir bilden Hospizhelfer aus und haben bereits einhundert Menschen in ihrem Zuhause begleitet. So haben wir also viele Aktivitäten hier, auch wenn das Zentrum noch nicht fertig ist. 

Ringu Tulku Rinpoche beendete seine Ansprache mit der Bitte an den Karmapa um Segen und Führung und darum, die Leitung dieses Zentrums wirklich zu übernehmen und es für die Zukunft vielen Menschen dienlich zu machen. Der Mönch Tenzin las dann eine förmliche Bitte an Seine Heiligkeit vor, „das Oberhaupt unseres Zentrums zu sein. Bis wir Erleuchtung erlangen, mögen wir Ihnen bei den Buddha-Aktivitäten behilflich sein, die Sie nach den Vorhersagen für alle Wesen in der Welt vollbringen werden“. Dann übergab Tenzin dem Karmapa einen großen, symbolischen, goldenen Schlüssel zum Zentrum.

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Der Karmapa antwortete, der Karma Kamtsang schiene eine besondere Verbindung mit Europa zu haben.

Als der tibetische Buddhismus zuerst in den Westen kam, vor allem nach Europa, waren meines Wissens die Meister, die ihn hier etablierten, eher aus der Karma Kamtsang-Tradition, so dass es eine besondere karmische Beziehung zwischen uns gibt. 

In der tibetischen Tradition werden alle verschiedenen Fahrzeuge des Dharma praktiziert und studiert, wodurch eine sehr komplette und umfassende Praxis des Buddhismus bewahrt wird. Für gewöhnlich meinen wir, die tibetische Tradition sei unterteilt in Nyingma, Kagyu, Geluk und Sakya. Doch eigentlich ist es nicht so. Wenn wir die individuellen Linien betrachten, die die Lamas übertragen, und auch ihre Hauptsitze, so sind diese sehr vielfältig; letzen Endes sind sie jedoch nicht verschieden. Sie alle folgen den Lehren Buddhas und sollten praktiziert werden. 

Zunächst sollten wir einen Lama finden und eine Praxis, die für uns geeignet ist, damit wir eine stabile Grundlage entwickeln. Die Praxis des ruhigen Verweilens kann dies ermöglichen. Ohne unsere alte Praxis zu verwerfen, können wir anschließend in anderen Traditionen praktizieren und studieren. Wenn Lamas von anderen Traditionen zu einem Kagyu-Zentrum kommen um zu lehren, verschafft das den Menschen dort gute Gelegenheiten. In Tibet hatten wir solche Gelegenheiten selten. 

In englischer Sprache mahnte dann der Karmapa,

Wenn wir beginnen, dem tibetischen Buddhismus zu folgen, werden uns manche Lamas sagen, „Du gehörst zu dieser Linie“. Sie wollen, dass wir einen starken Sinn dafür entwickeln, dieser oder jener Linie zu folgen. Sie lehren uns eine Art Fundamentalismus. Tatsächlich aber sollte ein guter Lama (euch) lehren, wie man praktiziert, wie man ein guter Mensch sein und Mitgefühl und Liebe hervorbringen kann. Fundamentalismus ist nicht gut, und deshalb lädt Rinpoche in diesem Zentrum viele Meister verschiedener Traditionen und Linien ein. Dies ist eine großartige Chance für euch alle. In der tibetischen Gesellschaft hatten wir solche Gelegenheit manchmal nicht; wir konnten nur mit den Lamas, die zu unserer Linie gehörten, verbunden sein. Ich glaube, es ist sehr wichtig, Meister von anderen Traditionen einzuladen.

Zum Abschluss möchte ich „Vielen Dank“ sagen an Rinpoche und alle Mitglieder und Mitarbeiter von Bodhicharya. Ich bin sehr dankbar dafür, dass ich bei diesem ersten Besuch in Europa zu diesem Zentrum kommen konnte. Es ist sehr wunderbar und ich bin sehr glücklich. Vielen Dank. 

Über die Autorin

Michele Martin praktiziert seit über vierzig Jahren den Buddhismus und hat die letzten fünfundzwanzig Jahre größtenteils in Nepal und Indien verbracht, wo sie mit tibetischen Lamas studiert und als Übersetzerin der schriftlichen und mündlichen tibetischen Sprache gearbeitet hat. Zusätzlich zu Texten über Philosophie und Meditation hat sie als Übersetzerin mehrere Bücher co-veröffentlicht: „Music in the Sky: The Life, Art & Teachings of the 17th Karmapa Ogyen Trinley Dorje“; „Traveling the Path of Compassion“ (die Belehrungen des Karmapa über die 37 Praktiken eines Bodhisattva), zusammen mit Ringu Tulku Rinpoche übersetzt; und „The First Karmapa: The Life and Teachings of Dusum Khyenpa“, übersetzt zusammen mit David Karma Choephel.